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Schüler treffen Gefangene des offenen Vollzuges

„Es fühlt sich hier manchmal an, wie in einer kleinen Familie..."


"leer" Bildrechte: L. Brill

„Was ist denn, wenn die uns angreifen?“ „Kommen die dann in Handschellen?“ Ein bisschen mulmig war ein paar SchülerInnen des Lila-Jahrgangs schon, als sie hörten, dass sie bald Besuch von zwei Insassen aus dem Jugendvollzug Göttingen bekommen sollten. Schnell haben sich diese Berührungsängste jedoch gelegt, als sie den beiden Jugendlichen Max (18 Jahre) und Lars (20 Jahre) und ihren Betreuern Marc Freitag und Benjamin Rose dann im Stuhlkreis persönlich gegenübersaßen.

Beide Jugendlichen haben Straftaten begangen, um sich ihren Drogenkonsum zu finanzieren: Einbrüche, Drogenhandel, Raubüberfälle. Von beiden war es ein mutiger Schritt, in die Schule zu kommen und den Stammgruppen des Lila-Jahrgangs Rede und Antwort zu stehen: „Sie setzen sich so noch einmal mit ihrer Straftat auseinander – das ist nicht einfach“, meint der Betreuer Rose. „Am Tag nach dem Raubüberfall auf eine Spielothek kam das SEK mit Hunden zum Haus meiner Eltern, hat die Tür aufgetreten, mich aus dem Bett gezogen und auf den Boden gedrückt.“ erinnert sich Max.

Nachdem er drei Monate lang im geschlossenen Jugendvollzug in Hameln gesessen hat, ist er nun seit sieben Monaten im offenen Jugendvollzug in Göttingen. „Es fühlt sich hier manchmal an, wie in einer kleinen Familie. Wenn ich Hilfe brauche, kann ich zu den Betreuern gehen“, meint er. Auch mit den Mitgefangenen komme er gut aus. Der offene Vollzug bringt einige Freiheiten mit sich, die der geschlossene Vollzug nicht biete: Die Jugendlichen dürfen beispielsweise zu bestimmten Zeiten in die Stadt oder ins Kino gehen, sie können eine „normale“ Schule besuchen und sich in einen Verein einbringen. Sie haben ein eigenes Zimmer, das sie – für die Mitgefangenen unzugänglich – abschließen können. Mehrmals in der Woche dürfen sie Besuch bekommen und am Wochenende oder zum Urlaub können sie nach Hause fahren. „Jetzt kann ich meine Familie auch alleine sehen – nicht in einem großen Raum mit vielen anderen, wie im geschlossenen Vollzug“, erklärt Max. Die Trennung von der Familie ist das, was viele Insassen am meisten schmerze. „Kann das nicht passieren, dass jemand abhaut?“, möchte eine Schülerin wissen. Dies passiere sehr selten, antwortet Rose. „Wir wissen, was dann passiert. Wir kommen dann in den geschlossenen Vollzug und dürfen nicht mehr hier sein.“, ergänzt Max. Auch im offenen Vollzug haben die Jugendlichen natürlich nicht die gleichen Freiheiten, wie in ihrem normalen Alltag. So dürfen sie aus Sicherheitsgründen keine Smartphones nutzen, müssen sich zu bestimmten Zeiten im Gebäude aufhalten und haben einen fest geregelten Tagesablauf.

Der Jugendvollzug zielt aber in erster Hinsicht nicht auf Bestrafung ab, sondern darauf, die Jugendlichen zu erziehen und sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. So werden die Insassen hinsichtlich ihres Werdegangs beraten und können beispielsweise im Gefängnis ihren Schulabschluss nachholen oder eine Ausbildung machen. Für den Schulbesuch werden sie sogar bezahlt und bekommen rund 14 Euro am Tag. „Das Geld kann ich dann dafür nutzen, mir ein neues Leben aufzubauen, wenn ich rauskomme“, meint Max. Er würde später gerne als Dachdecker arbeiten. „Ich möchte in der Luft arbeiten, das Risiko spüren und einfach einen anstrengenden Job machen“, erklärt er. Sein Mitinsasse Lars hängt sogar freiwillig noch ein halbes Jahr Gefängnis dran, um seinen Schulabschluss fertig zu bekommen. „Der Knast ist das Beste, was mir passieren konnte.“, meint er. „Toll, dass sie so offen auf alle Fragen geantwortet haben“, finden die Schüler/innen nach der Veranstaltung. „Die beiden waren nett. Irgendwie ganz normale Jungs.“ (Namen von der Redaktion geändert.)

  Bildrechte: L. Brill, IGS Geismar

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